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7 Jahre Hyper-Kyphose-persönliche Erfahrungen

Verfasst: Fr, 06.07.2012 - 10:20
von a.x.e.l.
Hallo zusammen!
ich habe seit ein paar jahren mehr sporadisch bei euch in forum mitgelesen und war immer recht beeindruckt von eurer gegenseitigen unterstützung...ich glaube das gefühl verstanden zu werden hilft den meisten sehr-deswegen weiter so!
nun habe ich gerade gelesen, dass die kyphosepatienten wohl etwas zu kurz kommen und da dachte ich, ich berichte euch mal von mir:

Ich bin 20 jahre alt, sportlich, etwas über 1,80m groß, liebe das kitesurfen seit ich 14 bin und habe auch zu der zeit meine kyphose-diagnose bekommen: vermutlich inzwischen um die 80°.

meine erfahrungen und geschichte:

ich wusste, dass ich ein hohlkreuz habe, seit wir das in der 2. klasse mal im unterricht behandelt haben, aber in dem alter interessiert einen das noch wenig und so schlimm war es damals auch noch nicht.. als ich mit 13 oder 14 mal bei einer homöopathin war, zu der wir schon damals seit jahren gingen ( und die uns riesig geholfen hat), hat meine mutti mal das thema angesprochen, worauf hin sie aus allen wolken fiel, dann mein rücken war damals schon recht krumm.. drum würde ich sagen:

1. Menschen die euch täglich sehen, bemerken den Fortschritt der Veränderung weniger!
und
2. Frühe Diagnosen sind der erste und beste Schritt zur Heilung!


naja, danach ging es natürlich nach dem schulmedizinischen handbuch weiter: besuch beim orthopäden. der stellte bei mir auch einen beckenschiefstend fest und natürlich gabs einlagen und krankengymnastik. einmal im quartal 6 anwendungen des standart-rückenprogramms der physiotherapie...bringt natürlich nichts.

auf drängen meiner eltern hat die krankenkasse zusätzlich 150 fitnessstudio besuche genemigt, die zum aufbau und zur stärkung meiner rückenmuskulatur gedacht waren.
leider hat mein verantwortlicher trainer etwas missverstanden oder war nicht richtig geschult, weswegen er mehr darauf bedacht war mir einen besonders durchtrainierten körper zu verleihen, als meinen rücken in den focus zu nehmen. was ich mit 14 auch nicht zu schlecht fand.
deswegen:
3. Krankenkassen genehmigen nur das Standartprogramm, wenn man nicht richtig hinterher ist!
und
4. Richtig geschultes Personal ist extrem wichtig!

die folge des trainings und der kg waren verpannte bauchmuskeln, die meine oberkörper noch weiter krümmten. mit 15 oder 16 habe ich dann endlich begriffen, dass das wohl von alleine nicht besser wird und habe mich selbst viel im internet informiert, auch hier im forum, wo ich schließlich auf schroth gestoßen bin und sogar nach langem bitten eine kur genemigt bekommen habe.
inzwischen war ich 17 und hatte ne menge ärzte besucht, die z.t. auch operationen angesprochen haben und mir vom kitesurfen abrieten.
<Erklärung zum Kitesurfen> bitte schaut bei google für eine erklärung des sports, wenn ihr es nicht kennt, für uns ist im moment wichtig, dass ich mit dem kite der mich über das wasser zieht mit einer art gürtel (trapez) verbunden bin, welches an meiner lendenwirbelsäule anliegt.
folglich kann man die meinung der ärzte verstehen, allerdings war dieser sport damals und auch noch heute ein wichtiger faktor, der mein selbstwertgefühl, meine psyche und sogar meinen rücken stärkt! folglich unersetzlich.

während meiner kur in bad salzungen habe ich eine menge leute in meinem alter kennengelernt, die ähnliche probleme hatten und ich hab gemerkt, dass ich ja gar nicht allein bin!
deswegen
5. Vergesst nie, dass ihr eine Dualität aus Körper und Seele seid! Die Ärzte können euch meist nur bei dem einen helfen und vergessen oft das Andere!


die kur war vermutlich das beste was ich während meiner kyphosekarriere erlebt habe, denn ich hatte zum ersten mal das gefühl von profis behandelt zu werden. dort wurde auch zum ersten mal mein winkel berechnet, leider unterschieden sich die werte mit späteren aussagan von ärzten, trotz dass beide dieselben aufnahmen hatten.. er lag also zwischen 50 und 70 grad und heute wohl bei ca 80. leider kam am ende der kur dann der große dämpfer: mir wurde eine op empfohlen, die für mich das aus in sachen kitesurfen bedeutet hätte.

aber ich wollte mich zumindest über diese möglichkeit weiter informieren und bin durch ganz deutschland getourt und war auch unter anderem in neustadt. alle chirurgen waren einer meinung: ich muss unters messer! ich fand das bemerkenswert, denn obwohl ich nie über schmerzen klagte, sportlich bin, mehrmals wöchentlich meine übungen mache und mit beiden beinen im leben stehe, wollten mich doch alle in die gleiche richtung bewegen. warum?
alle ärzte die ich zwischen 17 und 18 aufgesucht habe, operierten selber und waren einer meinung. um mir andere meinungen einzuholen suchte ich weitere ärzte, auch sportärzte auf, die nicht selbst operieren und plötzlich beinahe einheitlich der meinung waren: lass dich erst operieren, wenn du eine starke verschlimmerung spürst, oder die schmerzen nicht mehr aushälst-die op rennt dir nciht weg!
ich möchte nicht behaupten, dass chirurgen des geldes wegen empfehlungen aussprechen, doch wenn man mit mti einem klapperenden auto in die werkstatt fährt, werden die einem auch nicht sagen "fahren sie weiter bis es schlimmer wird" selbst wenn es vielleicht nie schlimmer wird.
deswegen:
6. Es gibt Spezialisten für alles, aber der beste Spezialist für dich selbst, bleibst immernoch du! Hört euch verschiedene Ansichten an und entscheidet euch für das, was euch am besten für euch erscheint. Es gibt kein Richtig und Falsch, wenn es nicht akut ist.

Ein wichtiger grund für mich gegen eine OP war, dass mir niemand versichern konnte, dass es mir danach besser geht. ich habe während meinen kuraufenthalten leute getroffen, die sich dreimal operieren lassen mussten, weil die schmerzen schlimmer wurden. außerdem wächst die belastung auf die lendenwirbelsäule durch eine versteifung der darüber liegenden ( bei mir 12) wirbel enorm, wer garantiert mir, dass ich keine langzeitfolgen habe? eben niemand, deswegen entschied ich mich die op als letzten ausweg zu sehen.

eine ärztin prophezeite mir einen herzfehler, der durch zu wenig platz im brustkorb zustande kommen würde und einen frühen tod in (wörtlich) "vielleicht schon 20 jahren" zur folge haben könnte. als ein test beim kardiologen mein herz zum gesündesten der letzten monate erklärte, habe ich versucht mich wieder auf meinen eigenen verstand zu besinnen und das beste aus der situation zu machen.

ich habe verschiedene alternative heilpraktiken ausprobiert, wobei die ostheopatie am wirkungsvollsten war. das kann ich jedem nur empfehlen-ich kommen krumm rein und gehe grade wieder raus! leider hält dieser zustand meist nur bis zu folgetag, weswegen eine gute abstimmung zwischen trainingsplan und anwendung nötig ist. nach meinem entschluss habe ich beinahe jeden tag meine übungen gemacht, viele klimmzüge, die auch mein selbstwertgefühl gesteigert haben, da ein krummer rücken im trainierten zustand auch am badestrand nicht mit blicken anderer gestraft wird und ich habe versucht ein bis zweimal im monat eine anwendung zu bekommen, was auch mit rezeptem möglich ist, wenn man eine entsprechende praxis findet ( in leipzig kann ich frau Schlesiger nur weiter empfehlen, sie hat mir mehr geholfen als jeder andere!)
meine ostheopatin meinte irgendwann, als ich mal ein seelisches tief hatte, ich könnte ja die übungen mal einige wochen weglassen und sehen wie ich damit zurecht komme. Ich fand das anfangs einen etwas komischen zusammenhang, aber mir ist aufgefallen, dass wenn man viel weniger daran denkt und einfach sein normales leben lebt, merkt man kaum, dass etwas anders ist als es sollte-die schmerzen wurden weniger und der rücken sogar ein bisschen gerader!
Trotzdem ist es wichtig, dass man ihn nicht vergisst, denn auch die psyche kann nicht alles kompensieren..
Deswegen:

7. Euer Rücken ist wichtig für euer Leben, aber er ist nicht euer Leben! Sorgt gut für ihn, aber macht euch nicht fertig dabei! Und lasst euch auch nicht fertig machen, wie schon gesagt, ein Chirurg ist kein Psychologe und manchmal nicht sehr sensibel.


Und

8. Es ist leichter, wenn ihr akzeptiert, dass euer Rücken anders ist (ab einem gewissen Grad-bei mir wird er ohne OP nie mehr Kerzengerade), denn dann lernt ihr MIT ihm zu leben, als „etwas GEGEN den krummen Rücken zu machen“ !

Das ist ein sehr wichtiger punkt, denn das macht das leben leichter und schafft platz in eurem kopf für andere dinge. Ich bin sogar in gewisser hinsicht froh den rücken zu haben, denn er hat mich gelehrt auf mich selbst zu hören und zu vertrauen, viele dinge kritisch zu hinterfragen, sozial zu denken und zu handeln, das leben aus einem anderen blickwinkel zu sehen und nicht zu letzt spornt er mich an, mein selbstwertgefühl mit anderen dingen aufzubauen, dabei jedoch immer mit den füßen auf dem boden zu bleiben.
Vielleicht hat er euch ja auch etwas positives gebracht?

Die letzten 2 jahre habe ich mit kitesurfen und arbeiten in australien verbracht. Durch einen job in einer mine hier ( keine angst ich kümmere mich um die erhaltung der umwelt und muss nicht zu schwer körperlich arbeiten) war es mir möglich ein kleines polster für mein studium anzulegen wodurch ich während meinem studium mehr zeit für meinen rücken und weniger zeit fürs arbeiten investieren kann..
Vielleicht studiere ich sogar biomedizinische technik und modernisiere die in meinen augen zu altmodischen operationsmethoden..das ziel wäre dann beweglichkeit trotz operation!

So, ich hoffe ich konnte euch das leben mit einer hyper kyphose aus einem vielleicht etwas anderem blickwinkel zeigen und vielleicht den optimismus in euch etwas mehr anstacheln..
Vergesst nie, dass euer Rücken nur ein Teil von euch ist, ein sehr wichtiger, aber eben nur einer von mehreren, und ihr solltet euch um alle kümmern!
Außerdem hört auf euer Gefühl und lasst euch die Situation von anderen nich schwärzer malen als sie ist! Man kann auch mit einem krummen Rücken ein super Leben führen!

Vielleicht noch etwas für die Eltern: Krankengymnastik und dergleichen erscheinen manchmal noch unattraktiver, wenn man von den Eltern immer wieder darauf hingewiesen wird. Ich weiß ebenso so gut wie ihr, dass es gerade in jungen Jahren sehr wichtig ist, aber eure Kinder vielleicht noch nicht. Z.B. in einer Schroth-Kur während der Sommerferien, macht das Ganze mit anderen Gleichaltrigen meistens etwas mehr Spaß und vielleicht nimmt man ja auch was mit nach Hause...

Vielleicht konnte ich euch damit etwas weiter helfen.. Gerne beantworte ich jede Frage und stehe auch für Diskussionen zur Verfügung!

Beste Grüße
Axel

Re: 7 Jahre Hyper-Kyphose-persönliche Erfahrungen

Verfasst: Fr, 06.07.2012 - 18:50
von Sabona
Hallo Alex,
dein Beitrag tut richtig gut. Du schreibst mir aus der Seele.
Vor allem die Aussage von Ärzten, dass man ohne OP nicht alt wird, kenne ich sehr genau.
Es kommen zwar mit zunehmenden Alter doch allerlei Beschwerden, aber ich kann trotzdem noch alle meine sportlichen Hobbys ausüben. (Schifahren, Mountainbike, Bergsteigen)
Und wer sagt mir, dass ich mit einer geraden WS keine Altersbeschwerden bekomme.

Wünsche dir weiterhin diese gesunde Einstellung , eine schmerzfreie Zukunft und viel Erfolg in deinem Berufsleben.

LG

Re: 7 Jahre Hyper-Kyphose-persönliche Erfahrungen

Verfasst: Sa, 07.07.2012 - 11:48
von Klaus
Hallo Axel,

Dein Fazit könnte genauso gut das Fazit eines langjährigen aktiven Users unseres Forums sein, wie z.Bsp. ich einer bin. :)
8. Es ist leichter, wenn ihr akzeptiert, dass euer Rücken anders ist (ab einem gewissen Grad-bei mir wird er ohne OP nie mehr Kerzengerade), denn dann lernt ihr MIT ihm zu leben, als „etwas GEGEN den krummen Rücken zu machen“ !
Da muss ich aber kritisch anmerken, dass die physische Beschäftigung (aktive individuelle Muskelpflege) mit dem Rücken schon ein Hauptbestandteil sein sollte, wenn nicht die Schmerzen sogar dazu zwingen. Da kann man nichts ausblenden, da muss man schon ganz aktiv etwas "gegen den krummen Rücken machen".

Gerade wenn die Beschwerden gering sind, wird die Motivation sinken und bei Deiner Betrachtungsweise der Rücken möglicherweise so vernachlässigt, dass erst später das böse Erwachen kommen kann. Eine Hyperkyphose kann sich nämlich auch im Erwachsenalter noch weiter verschlimmern, ohne das man das bemerken muss.

Ich bin das beste Beispiel dafür, dass z. Bsp. falsches Fitness Training bis zu meiner Schroth REHA trotz falscher Ansätze nicht zu den Beschwerden geführt, die mir signalisiert hätten, dass ich damit meine Hyperkyphose weiter verstärkt habe. Während der Zeit habe ich mir auch keine grossen Gedanken um meinen Rücken gemacht, die Endorphine haben das sowieso verhindert. :)

Wer sich mit Schroth KG bzw. aktive Muskelpflege oder/und Korsett wirklich gut arrangiert hat, wird Deinen Tipp wahrscheinlich gut umsetzen können, aber alle anderen werden sicherlich eine Motivation brauchen, die nach meiner Ansicht im Gegensatz zur Ausblendung des "krummen Rückens" steht.

Wenn Du mit Deiner Bemerkumng allerdings meinst, dass man sich nicht über den "krummen Rücken" ständig ärgern sollte, gebe ich Dir Recht. Aber das ist etwas anderes.

Gruß
Klaus

Re: 7 Jahre Hyper-Kyphose-persönliche Erfahrungen

Verfasst: So, 08.07.2012 - 18:45
von mick
Hallo zusammen!

Zuerst einmal: Guter Beitrag, Alex ;)
Gerade die Bedeutung der Psyche finde ich auch wirklich wichtig und beobachte bei mir z.T. ähnliche Zusammenhänge.

Ich habe den Beitrag anders verstanden als Klaus, merke aber bei nochmaligem Lesen, dass er tatsächlich auch so interpretiert werden kann.
Klaus hat geschrieben:Wenn Du mit Deiner Bemerkumng allerdings meinst, dass man sich nicht über den "krummen Rücken" ständig ärgern sollte, gebe ich Dir Recht. Aber das ist etwas anderes.
So habe ich es verstanden. Also nicht, dass man die Muskelpflege/KG vernachlässigen sollte, sondern dass es um die Einstellung geht und so wüde ich das auch auf alle Fälle unterstützen: Also nicht das Gefühl haben, gegen seinen Körper ankämpfen zu müssen, sondern etwas für ihn zu tun. Was eben eine positivere Einstellung zum Körper ist. Denkt man die ganze Zeit, man muss immer aufs Neue gegen die Verkrümmung ankämpfen, dann ist das zum einen frustrierend, weil die Winkelwerte sich eben gerade nicht so rasant verbessern, dass man tatsächlich seine Verkrümmung los wird und zum anderen fördert es nicht die Akzeptanz des eigenen Körpers, so wie er ist (mit Verkrümmung, ggf. kosmetischen Problemen, etc.). Mag eine Typ-Sache sein, wie man sich am besten motiviert - ich persönlich bin mehr mit mir selbst im Reinen, wenn ich denke, dass ich etwas für mich mache und keinen endlosen Kampf gegen meine Verkrümmung führe. Vernachlässigen würde ich die Übungen allerdings (außer vielleicht bei einem wirklich schlimmen seelischen Tief) trotzdem auf keinen Fall und eine völlige Ausblendung ist schon deshalb nicht möglich, weil ich ohne regelmäßige KG beim Schroth-Therapeuten und bei manchen alltäglichen Belastungen des Rückens eben doch schnell Rückenschmerzen kriege (längeres Stehen oder Sitzen ohne Lehne u.ä.).

Viele Grüße,
Mick